Marktimpuls. Brauchen wir in fünf Jahren überhaupt noch externe Entwickler?
Warum KI den Burggraben guter Software-Hersteller und -Dienstleister nicht kleiner, sondern größer macht
Kaum eine Frage taucht aktuell in Gesprächen mit Software-Unternehmern, Investoren und Kunden häufiger auf als diese: Brauchen wir in fünf Jahren überhaupt noch externe Entwickler?
Die Sorge dahinter ist real. Wenn KI heute bereits Code schreiben, Verträge prüfen und Aufgaben automatisieren kann, liegt der Gedanke nahe, dass Unternehmen Software künftig einfach selbst bauen könnten.
Die Zuspitzung dafür war zuletzt schnell gefunden: „SaaSpocalypse“. Ausgelöst wurde die Debatte unter anderem durch die Ankündigung von Anthropic, dass KI künftig einfache Verträge prüfen kann. Im Februar verloren Tech-Aktien daraufhin binnen 24 Stunden rund 285 Mrd. USD an Wert. Die These: KI macht spezialisierte Software-Anbieter überflüssig.
Doch dieses Muster ist nicht neu, und historisch fast immer dasselbe: Neue Technologie wird zunächst als Ersatz verstanden, bevor sie sich als Verstärker professioneller Kompetenz erweist.
Videokameras sollten in den 80er Jahren das Kino verdrängen. Stattdessen besetzten sie eine eigene Nische. Die Produktionskosten für Kinofilme verdreifachten sich zwischen 1980 und 2007 sogar.
Desktop Publishing sollte das Druckgewerbe auslöschen. Stattdessen erreichte die Zahl der Druckereien 1995 mit 62.000 ein Allzeithoch. Verschwunden sind einzelne Rollen, nicht die Branche.
Genau diese Logik gilt heute auch für die Software-Welt.
Denn KI kann Code erzeugen. Aber Software zu bauen ist etwas anderes. Was Kunden nicht einfach auf Knopfdruck replizieren können, sind belastbare Engineering-Prozesse, Security, Code Reviews, Wartbarkeit und Governance.
Oder, wie es Technologiehistoriker Jim Cortada zuspitzt: Einem Kunden zuzumuten, ein kritisches System wie die Lohnabrechnung per KI selbst zu bauen, sei „wie einen Reifen zu wechseln bei einem Auto, das mit Tempo 100 weiterfährt. Zu riskant.“
Der eigentliche Burggraben liegt also nicht im einzelnen Code-Snippet, sondern in der professionellen Systemfähigkeit dahinter. Und genau hier macht KI den Unterschied eher größer als kleiner.
Auch ökonomisch spricht vieles dafür. Nobelpreisträger Oliver Hart argumentiert, dass KI vor allem die Anpassungskosten auf Anbieterseite senkt. Maßgeschneiderte Software vom Profi wird dadurch günstiger und attraktiver. Der Eigenbau wird nicht zwingend wahrscheinlicher, sondern in vielen Fällen schlicht unvernünftiger.
Für Software-Hersteller und -Dienstleister ist die Botschaft damit klar: KI ist nicht der Totengräber des Geschäftsmodells. KI ist der Beschleuniger für diejenigen, die bereits über reife Delivery-, Engineering- und Governance-Strukturen verfügen.
Und genau dieser Reifegrad wird auch im M&A-Kontext immer relevanter. Käufer bewerten längst nicht mehr nur Produkt und Umsatz, sondern auch die Frage, wie belastbar ein Unternehmen technologisch und operativ aufgestellt ist. Wer KI sinnvoll in erprobte Prozesse integriert, baut nicht nur bessere Software. Er erhöht auch die strategische Attraktivität und den Wert des eigenen Unternehmens.
Fazit auf den Punkt
„Die Frage ist also nicht, ob KI externe Entwickler ersetzt. Die wichtigere Frage ist, welche Anbieter KI schneller und professioneller in skalierbare Engineering-Qualität übersetzen als andere. Genau dort entstehen in den kommenden Jahren die Gewinner, operativ wie transaktionsseitig.“, so ist sich Pascal Kopp sicher.